Erika

März 30, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein gurgelndes Geräusch entwich seiner Kehle, ganz so als wolle er etwas sagen. Doch Erika war nicht gewillt, ihm diese letzte Chance zu gewähren und so fuhr sie fort mit ihrer Prozedur: Sie ließ aus dem Nichts erscheinendes Wasser seinen Rachen herabrinnen, lenkte es in die Lungen und genoss heimlich die wilden, verzweifelten Zuckungen seines Körpers.
»Verdient hast du es, Bastard«, dachte sie, doch nichts in ihrem Gesicht verriet ihren Triumph. Über die Jahrhunderte hinweg hatte sie gelernt, all das zu verschließen, für sich zu behalten und zu der gefühllosen, schweigenden Kreatur zu werden, die nunmehr gefürchtet und gehasst wurde.
Früher, da hatten sie ihre Anwesenheit vergessen, hatten sich gehen lassen und nicht gehorchen wollen. Doch Erika hatte sie ihren Zorn spüren lassen und schon bald verneigten sie sich vor ihr und lernten, jeden ihrer Wünsche von ihren Lippen abzulesen. Was blieb ihnen auch anderes übrig – ein Fehltritt vermochte den Tod zu bedeuten.
Dieses Unvermögen war nicht der Grund, warum jener Mann nun als totes Stück Fleisch vor ihr lag. Er hatte sein Leben auf ganz andere Weise verwirkt; die Gier hatte ihm den Verstand geraubt, bis er meinte, sie sei nur eine stumme alte Jungfer, die es nicht bemerkte, wenn man sie bestahl. Doch trotz ihres Alters waren Erikas Verstand und auch ihre Augen genauso scharf wie all die Jahre zuvor – so also war sein Todesurteil besiegelt, als er ihrem Eigentum den ersten falschen Blick zuwarf.
Erika griff zur Seite und betätigte einen Glockenzug. Weiter unten im Zimmer der Dienstmädchen erfüllte sogleich ein liebliches Klingeln den Raum, das das junge Ding, das im Zimmer hatte bleiben müssen, jedoch nur in Angst und Schrecken versetzte. Hastig erhob sie sich und eilte die schlecht beleuchtete Treppe hinauf. Weiter oben wurde sie bereits erwartet – in der offenen Tür stand Erika so gerade wie eh und je. Mit einem knappen Nicken wies sie auf den toten Körper und das Mädchen tat gut daran, ihr Entsetzen zu verbergen. Es war nicht so, dass dies die erste Leiche war, der sie in diesem Haus begegnete, doch nichts vermochte ihren Schrecken jemals zu vermindern. Um nicht selbst den Zorn ihrer Herrin auf sich zu ziehen, knickste sie kurz und eilte dann wieder hinab, um Martin zu holen. Martin war ein kräftiger Mann mittleren Alters, der genau wie sie schon immer in Erikas Diensten stand. Es war Tradition hier, dass die Kinder der Bediensteten die Arbeit ihrer Eltern übernahmen – auch sie selbst würde früher oder später Kinder bekommen müssen, denen dies traurige Schicksal bestimmt war. Natürlich hatten etliche sich zu wehren versucht – sie alle waren eines grausamen Todes gestorben. Entkommen gab es keines.
Martin saß in der Küche und genehmigte sich einen Schluck Wasser, als sie eintrat. An dem panischen Blick, der sich nun doch in die Augen des Mädchens geschlichen hatte, sah er sofort, was geschehen war.
»Nicht schon wieder«, seufzte er, erhob sich aber zugleich. »Ich mach das schon, Marie«, wandte er sich an die jüngste Dienstmagd hier im Haus, die erleichtert aufatmete. Keiner wollte die Schmutzarbeit übernehmen und jeder war froh, dass Martin es scheinbar so gelassen hinnahm.
Er war auch der Einzige, der niemals auch nur daran gedacht hatte, Erikas Haushalt zu entfliehen, auch wenn er dies nie zugegeben hätte. Er mochte Erika, auf seine eigene, verwirrende Art und manchmal machte es ihn schier wahnsinnig. Doch diese Frau hatte etwas, ein Geheimnis, das erahnen ließ, dass sie eigentlich kein schlechter Mensch war. Es gab Momente, in denen er es spürte, das Leid, das sie tagein, tagaus umgab.
Doch nun blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen – Erika wartete und Geduld zählte nicht zu ihren Stärken. Oben angelangt, fand er sie am Fenster, mit dem Rücken zu ihm stehend.
»Erika«, sagte er mit seiner tiefen Stimme, beugte sich dann zu Daniel – denn das war der Name des Dreizehnjährigen – hinab, warf sich den schmalen Körper über die Schulter, verließ den Raum wortlos, ging die Treppe hinab, auf dem Weg in das Kellergewölbe. Noch ehe er wusste, wie er es der Mutter des dummen Jungen beibringen sollte, hatte er den großen, beinahe leeren Raum erreicht, in dem nur eines stand: ein Verbrennungsofen. Die Asche würde er später im Fluss verstreuen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Erika auf The Tidal Waves.

Meta

%d Bloggern gefällt das: