Traumschmerz.

März 30, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Jeder Schritt, den ich auf meinem Weg ging, schien falsch.
Makel war mein ständiger und einziger Begleiter, denn die Personen um mich herum verletze ich alle früher oder später. Der Mensch macht Fehler, selbst wenn er versucht, dagegen anzukämpfen, ist er wehrlos. Ich kann hundert Geschichten darüber schreiben und würde doch keine Sekunde müde werden. Man könnte mich als Paradebeispiel für »fehlerbehaftete Menschen« nehmen und doch bin ich nur einer von Millionen. Ein Gesicht in einer Masse. Mehr nicht.


Als kleines Kind habe ich Zukunfts-Collagen erstellt: zusammengewürfelte Bilder, die mein künftiges Leben darstellen sollten. Nichts davon ist eingetreten. Ich bin fünfundzwanzig und bereits zweifache Mutter. Meine Töchter sind sieben und fünf Jahre alt und haben mich schneller zu einer Erwachsenen gemacht, als mir lieb war. Mein Abitur bestand ich eher schlecht, als recht. Aber konnte man mir das wirklich vorwerfen? Ich lernte mit einem Kind im Arm, das all meine Aufmerksamkeit wollte und ich nicht wirklich geben konnte. Meine beiden Mädchen sind alles für mich, das sollte zu keiner Zeit in Frage gestellt werden. Nur haben sie mich als Mensch in eine Richtung gelenkt, in der ich nie enden wollte. Wirklich bewusst wurde mir das als ich das erste Mal schwanger war. Selbst noch ein Kind, das mit der Situation überfordert war. Jeder einzelne, tiefe Schnitt auf meinen Handgelenken erzählt von dem Schmerz und dem Versuch der Flucht vor dem Menschen, der ich werden würde.
Es sind nun Narben, doch erinnern sie mich jeden Tag aufs Neue daran. Henry und ich heirateten, als ich das zweite Mal – erst recht ungewollt – schwanger wurde. Von meiner Mutter musste ich immer und immer wieder hören, welch Glück ich doch hatte, denn in all ihren Soaps verschwanden die Männer, wenn ihre Liebelei ein Kind erwartete. Dass das alles nur schlechte Schauspieler waren, wollte sie an manchen Tagen gar nicht wahrhaben.
Ich hatte Glück mit Henry, ja. Ebenso Glück, wie jeder Mensch von uns, der am Leben ist. Doch so wie es Leute gibt, die rauchen, saufen, sich Drogen spritzen oder das Leben nehmen wollen, trete auch ich mein Glück mit Füßen. Weil es sich eines Tages einfach nicht mehr wertvoll anfühlt. Wie ein Schatz, an den man sich sattgesehen hat.

»Sie haben mir dazu geraten, meine Probleme in den Träumen zu lösen. Sie müssen also wissen, ob …«
»Nein, nein, nein, Cassandra!« Der ältere Herr mit dem kurzen, grauen Haar, welcher mir direkt gegenüber saß, hob beide Hände wie ein Opfer eines Banküberfalls. Eine beschwichtigende Geste, für die er sogar einen Moment seine Gabel zur Seite legte. Sein Name war James Carol. Der Mann, der seit meinem damaligen Selbstmordversuch verhinderte, dass ein zweiter folgte. Er war ein Genie auf seinem Gebiet. Im Gegensatz zu vielen anderen Therapeuten, die ich vor ihm aufgesucht hatte, ließ er den Rezeptblock unberührt und hatte mich einfach nur angesehen. Mir das Gefühl gegeben, dass ich wahrhaftig existiere und beachtet werde.
»Aber Mr. Carol, Sie haben selbst gesagt …«
»Nein!«, unterbrach er mich erneut und seine blauen Augen blickten mich tadelnd an. Flüchtig schweifte sein Blick zum Nebentisch des überfüllten, aber edlen Restaurants, an dem sich ein junges Paar viel zu laut unterhielt. »Ich habe Ihnen zu keiner Zeit geraten, sich in den Träumen zu verlieren und Ihren Mann mehrfach zu betrügen«, sagte er wieder an mich gewandt.
»Ich betrüge ihn nicht.« Die kleinlaute Antwort kam viel zu schnell über meine Lippen und machte mein schlechtes Gewissen deutlicher, als ich vor ihm offenbaren wollte. »Es ist nur ein Traum.«
»Ein Traum, den Sie erschaffen, Cassandra.« Seine faltige Hand griff nach der Gabel, auf deren Zinken er ein saftiges, kleines Stück von dem Rinderbraten schob. »Sie betrügen Ihn nicht körperlich, stattdessen spielt es sich in Ihrem Kopf ab. Denken Sie, es ist wirklich eine Frage der Moral, wo partnerschaftlicher Verrat beginnt und aufhört? Liebt Ihr Mann Sie noch aufrichtig, wenn er sich vorstellt, mit Marlene Dietrich das Bett zu teilen?«
»Marlene Dietrich ist tot.«
»Nicht, wenn wir träumen.« Der Brocken Fleisch verschwand in seinem Mund und der dunkelgraue Schnauzer zitterte, während er schweigend kaute.
»Sie haben mir nicht meine Frage beantwortet, Mr. Carol.« Ich lehnte mich auf dem harten Holzstuhl zurück. So fest, dass sich die Ornamente der Rückenlehne gegen meine Wirbelsäule pressten und einen dezenten Schmerz erzeugten. »Ist es möglich, dass eine Traumgestalt begreift, dass sie nicht real ist?«
»Mh«, stieß er aus, noch immer kauend. Ich rechnete damit, dass er sich endlich meiner Frage zuwenden würde, wenn er fertig wäre, aber stattdessen schwärmte er nur mit gedämpfter Stimme: »Das Fleisch hier ist köstlich. Sie sollten es unbedingt probieren.«
»Ein anderes Mal vielleicht …«
»Zu Ihrer Frage, Cassandra«, antwortete er mit seiner rauen Erzählerstimme, »ich bin auf diesem Gebiet nicht allwissend und lediglich ein Freund der Thematik, welcher sich vor vielen, vielen Jahren damit beschäftigt hat. Daher kann ich Ihnen nur eine Ahnung von einer Antwort geben.«
»Die wäre?«
»Ich habe in all der Zeit, in welcher ich Bücher gewälzt und Berichten gelauscht habe, kein einziges Mal erfahren, dass eine schlicht geträumte Gestalt sich seiner nicht-existenten Existenz bewusst ist.« Ein Grinsen ließ seine Gesichtszüge weicher erscheinen. »Paradox, nicht wahr?« Er lächelte mich an, wie er es immer tat und kniff dabei die Augen sacht zusammen. Ein Fächer an Falten grub sich um seine Augenpartei tief in seine Haut. »Sicher, es ist öfter vorgekommen, dass eine Traumgestalt resigniert akzeptiert hat, dass sie nicht real ist, nachdem der Träumer sie darauf aufmerksam gemacht hat. Aber selbst das sehe ich – ab diesem Augenblick – als Steuerung des Unterbewusstseins an. Zumal die meisten Traumgestalten sowieso dem widersprechen und Sie davon überzeugen werden, dass alles real ist. Selbst das Schwein, das über ihre Köpfe hinwegfliegt.« James nahm einen kräftigen Schluck von seinem Wasserglas. Als er es abstellte, fing er das Kondenswasser mit den Fingernägeln auf. »Ich habe in all meiner Zeit kein einziges Mal gelesen, dass eine Traumgestalt – gegen den Willen des Träumers – den Unterschied zwischen Realität und Fiktion erkannt hat. Doch, Cassandra, es ist gut möglich, dass ich schlichtweg die falschen Bücher gelesen habe. Vielleicht habe ich auch davon erfahren und es vergessen. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber langsam weist meine Erinnerung deutliche Lücken auf.« Der alte Mann lachte leise in sich hinein und strich die weiße Stoffserviette ein letztes Mal glatt, ehe er sie an seinen Mund führte und die Soßereste aus seinem Bart entfernte. Dabei wich sein Blick kein einziges Mal von mir, als würde er in den Tiefen meiner Iriden beobachten, wie mein Verstand auf Hochtouren arbeitete.

»Grundsätzlich wäre es möglich?«
»Cassandra, wir sprechen über Träume. Dort ist alles möglich.« James setzte an, weiterzusprechen, doch entschied sich, einen Moment zu schweigen, als der aalglatte Kellner kam, um abzuräumen. »Lassen Sie das noch da, junger Mann!«, schmiss der Alte mit erhobenem Zeigefinger ein, als der Bedienstete das kleine Körbchen mit Baguettescheiben mitnehmen wollte. Erst als wir wieder ungestört waren, faltete er seine Hände auf dem Tisch und betrachtete nachdenklich die Vielzahl der goldenen Ringe an seinen Fingern. James Carol war ebenso wenig ein Heiliger, wie ich: er war bereits das dritte Mal verheiratet. »Sie müssten das doch wissen, Cassandra. Sie sind seit sechs Jahren Klarträumerin.«
»Ja«, flüsterte ich und die Erschöpfung fiel so plötzlich über mich herein, als wäre ich das Opfer eine erdrückenden Welle geworden. »Ich weiß …« Müde strich ich mir mit den Händen über das Gesicht, als erhoffte ich mir, die Trägheit schlichtweg wegzuwischen. Erfolglos.
»Bitte versuchen Sie mit ihrem Mann darüber zu reden, Cassandra«, sagte James mit Nachdruck und unterstrich seine Worte mit einem tiefen Nicken. »Ich habe Ihnen vor vielen Jahren Ihre Träume nahegelegt, um Ihre Probleme zu lösen und dem Alltag für einen Moment zu entkommen. Bitte bringen Sie mich nicht in die Lage, dass ein aufgebrachter Ehemann in meine Praxis stürzt und mir vorwirft, ich hätte seiner Frau den Zauber des spurlosen Betrugs beigebracht.« Seine Worte zeichneten ein Lächeln auf meine Lippen, das ich am liebsten hinter meinen Händen versteckt hätte.
»Sie haben ja recht«, gestand ich. »Ich liebe ihn auch. Das im Traum ist nur ein Spiel. Abwechslung. Spaß.«
»Nur manchmal hat dieser Spaß in der Traumwelt auch Konsequenzen, die bis in die Realität reichen. Seien Sie sich dessen bewusst. Geheimnisse sind Gift in jeder Beziehung.« Ich nickte schwach.
»Nun sollten Sie gehen«, sagte er plötzlich und schob den Brotkorb in die Mitte des Tisches. »Ida sollte jeden Augenblick kommen.«
»Kann ich Sie heute Abend vielleicht noch einmal anrufen?«, fragte ich, während ich mich bereits erhob und den Stuhl zurück an den Tisch schob.
»Jederzeit, Cassandra. Solange Sie Ida nicht verraten, dass ich ihre kleine Diät ein bisschen austrickse …« Wann immer die beiden essen gingen, gönnte James sich ein saftiges Steak. Tauchte seine Frau zum verabredeten Zeitpunkt auf, teilte er sich scheinheilig eine Schüssel Salat mit ihr und dankte ihr, dass sie sich um seinen Gesundheitszustand kümmerte. Wie ich bereits sagte: James war ebenso wenig ein Heiliger, wie ich. Vielleicht war auch das der Grund, dass er der einzige Mensch war, dem ich vertraute.
Zu gerne hätte ich zum Abschied seine Worte – Geheimnisse sind Gift in jeder Beziehung – wiederholt, doch ich verkniff es mir. Ein müdes Lächeln, eine flüsternde Verabschiedung, dann schlängelte ich mich durch die Reihen der Reichen und Schönen der Stadt und verließ die Welt, in die ich ebenso wenig gehörte, wie in jene, die zu Hause auf mich wartete.

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