Hurry up!

April 25, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Kindheit ist so ein Ding, ein schönes im besten Falle. Da dehnt und streckt es sich, der Horizont nicht erkennbar, ein undefinierbarer Klumpen, in dem sie mitten drin steckt – warm und wohl und vollkommen und einen Herzschlag später ist der Klumpen auch schon weg. Also steht das Mädchen da, wundert sich noch, warum es auf einmal nicht mehr so verhätschelt wird, auf einmal sind sie da, die ersten kleinen Forderungen nach mehr Eigenverantwortung. Aber sie freut sich, es macht ihr Spaß, sie meint zu glauben, dass sie da raus wollte. Deshalb macht sie die ersten, wackligen Schritte, immer mehr, immer mehr, bis sie fester auftritt. Sie stampft und hüpft und marschiert und springt umher und irgendwann rennt sie los, fest davon überzeugt, dass sie das kann. Sie rennt immer schneller, rast voran, der Zeit davon und dann fällt sie. Das ist nicht schlimm, sagen die anderen, helfen ihr beim ersten Mal noch auf, beim nächsten Mal reichen sie ihr nur noch die Hand, sie muss sich selbst hochziehen, bis sie sich irgendwann ganz allein aufrappeln soll. Aber sie schafft das und sie will das, meint sie. Sie rappelt sich also auf, macht wieder ein paar vorsichtige Schritte, testet ihre Standfestigkeit und läuft wieder, joggt vielleicht mal, um ein bisschen zu pausieren, aber kaum beruhigt sich ihr Atem, flitzt das Mädchen schon wieder los. Immer der Zeit voraus.
Doch dann steht sie plötzlich da, kann nicht weitergehen, weil da eine Wand ist, die sie überwinden soll, muss, wie die anderen sagen, doch endlich hält sie einmal inne, steht still. Dann denkt sie an die helfenden Hände, deren Arme aber viel zu kurz sind, um ihr hinter diese Mauer zu folgen. Sie sieht das Netz unter sich, dessen Maschen dahinter größer werden, zu groß, wie dem Mädchen plötzlich auffällt, da kann sie durchfallen, denkt sie. Und sie erinnert sich an früher, will es zumindest, schafft es aber nicht. Im Klumpen, da war nur sie, da hat sie so wenig gesehen und später, später ist sie gerannt, die Erinnerung kaum mehr als ein flüchtiges, verschwommenes Bild. Eine Kurzaufnahme, nicht gelungen, die sich zu unzähligen anderen reiht, wenn sie mal den Blick nach rechts und links gewandt hat, statt nur nach vorn zu starren, während sie lief.
Wo bleibst du Zeit, ich brauch dich doch!, ruft sie, sieht sich hilflos um. Aber sie ist der Zeit immer voraus gelaufen, die Zeit ist zurückgefallen, hinkte hinterher und verlor irgendwann ganz den Anschluss. Ist verloren.  Da sind nur noch die Hände, die wissen, dass sie nicht folgen können und auch nicht mehr aufhelfen wollen, deswegen drücken sie, weil sie meinen, dass es nun soweit ist. Das Mädchen ist doch längst eine Frau, weil sie Brüste hat und Kinder kriegen kann, also was will sie hier? Soll sie weiter rennen, denn nun hat sie keine Zeit mehr, jetzt muss sie sich erst recht beeilen!
Während das Mädchen, das innerlich nur selten eine Frau ist, weinend an ein rotes, warmes Zimmer denkt, klettert es mühselig die Mauer empor, schürft sich Hände und Beine und alles auf, und ganz besonders das kleine Ding in sich drin, das zum ersten Mal ganz sicher weiß: Es wollte doch nie rennen. Es will noch nicht erwachsen sein.

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