Schweiß.

Mai 6, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Fleck auf der weißen Tischdecke. Dreck.
Sie drehte sich um und suchte mit fliegenden Augen den Raum ab, bis ihr Blick sich an dem kleinen, weißen Kasten unter dem Spülbecken verfing und zur Ruhe kam. Ein Wanken erschwerte ihr jeden Schritt, den sie benötigte, um die Distanz weniger Meter zu überbrücken. Und aus irgendeinem Grund kroch Schweiß aus ihren Poren und bedeckte die Stirn; glänzend im grellen Licht der Stehlampe. In einer mechanischen Bewegung, selbst verwundert über die Reaktion ihres Körpers, entfernte sie die flüssigen Perlen von ihrer Haut und jagte die Aufmerksamkeit zurück zu dem kleinen Schrank.
Worte, die keinen Sinn ergaben, verirrten sich über ihre Lippen, doch nicht einmal sie selbst hörte sich zu, während sie mühevoll in die Hocke ging und das knirschende Türchen öffnete, um der kleinen Armee an Reinigungsmitteln einen prüfenden Blick zu schenken. Ihre rechte Hand zitterte etwas, als sie einige der Plastikflaschen zu sich drehte, um das Etikett erkennen zu können und zu erfahren, wofür das bestimmte Mittel gut war. Denn all diese heldenhaften, prägnanten Produktnamen sagten ihr rein gar nichts, sondern stellten sich trotzig. »Wo ist es denn«, flüsterte sie leise zu sich selbst und zog die Augenbrauen fest zusammen, unaufhörlich eine Flasche nach der anderen ein Stück um die eigene Achse drehend. Dabei fiel ihr auf, dass die Härchen auf ihrem Unterarm senkrecht standen. Wieder klebte Schweiß auf ihrem Körper. Es musste an den Temperaturen des Ferienortes liegen, beantwortete sie das Rätsel selbst, schweigend in Gedanken. Schließlich fand sie eine kleine Dose mit einer durchsichtigen, runden Kappe. Glänzendes, grelles Orange. Giftgrüner Schriftzug. Sie überflog die Beschreibung des Produktes in ihrer rechten Hand und war zufrieden, als sie etwas von »Schaum« und »Schutz für Holztische« las. Ein Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel.

Sie richtete sich auf und ging drei Schritte zurück zum Tisch. Die weiße Spitzentischdecke hatte sich längst mit Wein vollgesaugt und noch immer suchten kleine, blutrote Tropfen die Freiheit und kämpften sich aus der schmalen Öffnung der Flasche, die waagrecht auf dem Tisch lag. Etwas hämmerte laut in ihrem Kopf, als sie mit einer Hand die Weinflasche aufstellte und mit der anderen die Tischdecke zusammenknüllte und vorübergehend in die Obstschale legte. Etwas hämmerte. Ein Echo. Es war ihr Herz, das in ihrer Brust schlug und das Echo in ihren Kopf schickte, wo es sich schließlich in ihrem Ohr verirrt haben schien. Aber sie beachtete es nicht weiter. Stattdessen entfernte sie den überschüssigen Wein von der Tischoberfläche, strich mit einer Schicht mehrerer Kleenex-Tücher sanft über das kostbare Holz. In dieser mechanischen, in sich perfekten Bewegung, dachte sie daran, dass sie in die Ferienwohnung gekommen war und diesen grässlichen Fleck auf dem Tisch gefunden hatte. Nein, es war anders: sie war für diesen Fleck verantwortlich. Sie hatte diese Flasche Wein umgestoßen. Ausgerechnet in einer fremden Wohnung, in der sie nur für zwei Wochen Zuhause waren. Und das nur, weil sie mit Freunden Essen gegangen waren und die Kinder in der Wohnung gelassen hatten. Michael, ihr Ehemann, hatte sie gebeten, nachzusehen, ob mit den Kleinen alles in Ordnung war, während der italienische Koch großzügig und unter Applaus Pizzateig in die Luft geschleudert hatte. Sie hatte zugestimmt. Widerwillig. Aber die Gewissheit, dass es den Kindern gut ginge, hätte für Ruhe am restlichen Abend gesorgt und man hätte sich unbeschwerte Stunden mit den Freunden erlauben können. Sie hatte zugestimmt.

Ein gurgelndes Geräusch erklang, als sie die orange Dose schüttelte und eine dünne Schicht von schneeweißen Schaum auf die Tischfläche sprühte. Sie stellte das Reinigungsmittel ab, griff zu weiteren Kleenex-Tüchern und verrieb den Schaum sorgfältig auf der Oberfläche. Kleine Kreise. Größer werdend. Wie Wellen in einem See, nachdem man einen Stein darin versenkt hatte. Sie merkte erst, dass ihre Hand zitterte, als ihr starrer Blick auf den eigenen, rechten Handrücken fiel. Etwas nasses hatte ihre Haut berührt. Sie musste mehrmals blinzeln, kämpfen, bis sie erkannte, dass es eine Träne war.
Ihre Bewegung verebbte. Die Hand, welche eben noch die Tücher umklammert gehalten hatte, wanderte zu ihrem Gesicht. Ihre Fingerkuppen stießen mit den warmen Wangen zusammen. Und auch sie waren tränennass. Glühend heiße Tränen.
Ein Geräusch, längst kein Schrei oder Schluchzen mehr, drang aus ihrer Kehle, als die Erinnerung wiederkehrte. Ihr Körper zitterte, bebte unter der Gewissheit, die sich verätzend in ihren Gedanken ausbreitete. Es war ihr fast unmöglich, den schmalen Hörer des Telefons abzuheben, als sie den Notruf wählte.

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