Mit gespreizten Beinen.

Mai 9, 2011 § 2 Kommentare

Manchmal ist das Rot auf meinen Lippen all das Blut, das ich auskotzen möchte und nicht kann. Denn die Galle schwappt über, bricht wie eine Welle in meinem Mund und schlägt gegen die eierfarbenen Zähne. Festungen, die nicht zu stürmen sind, nur von Fäusten, die wie Fremde von außen eindringen, ohne gefragt zu werden. Noch gewollt sind.

Sie sagte mir: »Bulimie ist wie Radfahren. Man verlernt es nie.« Dabei hatte sie dieses Lächeln auf den Lippen, wie eine Porzellanpuppe, deren Farbe langsam vom Gesicht abblättert und Risse aufweist. Wahrscheinlich war sie das, eine Puppe. Zerbrechlich und so klein, dass man ihr am Liebsten Kleider anziehen und sie mit sich herum tragen wollte. Obwohl sie fast zehn Jahre älter als ich war, hätte sie ohne weiteres meine kleine Schwester sein können. Oder mein Kind. Die Jahre dieser körperlichen Zerstörung hatten sie zu einem Kind gemacht, das sich nach Schutz sehnte und sich in den Schlaf weinte. Ich sehe all die Musiker, Tag für Tag, die wie ihre Großeltern wirken. Die Drogen und der Alkohol haben tiefe Gruben in ihr Gesicht gezaubert und all der Tabak verlieh ihnen die Farbe von kaffeeverblichenen Zähnen. Sie wandelten wie gelbe Zombies durch die Welt und gaben jeden Tag ihre Seele auf der Bühne auf. Andere Menschen verkaufen sie dem Teufel, leben schön, ehe sie dann sterben. Die Leute dort oben kriegen nichts zurück, außer Aufmerksamkeit im Stundenabo. Danach sieht sie niemand mehr an. Sie sind Helden für einen Abend. Leben von Moment zu Moment. Das echte Leben, von Anfang bis Ende, hat für sie längst keinen Geschmack mehr.
Und Mimi, wie sie alle nannten, die Mittdreißigerin, die an der Nadel hing und ihren Mageninhalt nach jeder Mahlzeit der Toilette darbot und dabei ihre kleinen Babyzähnchen zerstörte, blickte mich an, als wäre ich der wiedergeborene, feministische Jesus, den es nie geben wird.
»Alles wird gut«, sagte sie, doch an dem Funkeln ihrer tränennassen Augen erkannte ich, dass sie genau das von mir hören wollte. Lauschte sie dem Echo ihrer eigenen Stimme und stellte sich vor, ich hätte es ihr ins Ohr geflüstert? Arme Mimi. Der Strohhalm bricht unter deinem Gewicht.
»Wird es sicherlich«, erwiderte ich und reckte das Kinn nach vorne, während meine kohlebesuddelten Fingerspitzen über meine Augenlider zuckten und Farbe auf der weißen Leinwand meines Gesichts hinterließen. Kleine Fehler, für die jeder Künstler sein Meisterwerk vernichtet hätte. Ich war ein einziger Fehler. Und ich liebte es. »Sind ja nur drei Tage die Woche.«
Sie nickte auf meine Worte, mit dieser resignierten Körperhaltung, den hängenden Schultern und den verbitterten Mundwinkeln. Kleine, negative Kommas, die ihre vollen Lippen einrahmten.
Egal, wie sehr ich mich bemühte, sie nicht anzusehen, so sah ich ihre bemitleidenswerte Gestalt im Spiegelbild wie meinen eigenen Schatten.
»Hey, Mimi«, meinte ich und drehte mich in einem Zug um. Ich lehnte mich gegen die Kommode, presste mein Becken gegen das dreckige Holz. »Ich mache das ja freiwillig. Zwingt mich ja niemand.«
Sie presste die Lippen fest aufeinander, als wollte sie kein einziges Wort aus ihrer Kehle lassen. Dann nickte sie, nickte und nickte. Schüttelte ihr blondes, krauses Haar hin und her und zwang sich zu einem »Ja«, das sie mehrfach wiederholte.
»Ich meine«, fuhr ich fort, »das sind ein paar Männer. Die machen mit mir auch nur die Dinge, die ich mit einem Freund tun würde. Mit der Ausnahme, dass ich davon am Ende wenigstens was habe: Orgasmus und Geld.« Ich kehrte Mimi den Rücken zu und starrte wieder in mein eigenes Gesicht. Die Akne schien wie eine Ameisenkolonne über meine Wange zu marschieren. Ich griff mir den Puder und versuchte die Makel der Jugend zu ersticken. »Orgasmus und Geld«, sagte ich erneut und es klang wie eine Formel aus meinem Mund. Wie das Gebet einer Göttin mit gespreizten Beinen.

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