Mitternacht.

Mai 9, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Es ist nach zehn Uhr. In einem Eck des Raumes, direkt neben der Tür, flimmert ein kleiner Fernseher. Zwei Männer dominieren das Bild und trotz der heruntergedrehten Lautstärke höre ich ganz deutlich das falsche Gelächter, das irgendein IT-Praktikant in den Hintergrund der Serie eingefügt hat. Künstlicher Humor, der die Menschen manipulieren soll. Was? Du findest das nicht lustig? Aber hör doch: hier lachen alle! Es MUSS lustig sein! Am Ende grinsen die Zuschauer dann doch – auch wenn der Witz so schlecht war, wie der einer Dreijährigen, die das Sprechen lernt.
Michael lacht nicht. Er kaut nervös auf dem Fingernagel seines rechten Daumens, während die Asche seiner angezündeten Zigarette leise auf die Tischplatte rieselt. Grauer Schnee.
„Um Mitternacht“, sage ich in die Stille hinein und ziehe den Spiegel vom Fensterbrett zu mir. Der schwarze Kajal ist schneller in meinen Händen, wie die Pistole von Lucky Luke. Man darf mich verrückt nennen, aber meine Augen können nie schwarz genug sein. Die Gothic-Leute der Moderne würden mich wohl als ihre Madonna anbeten, wenn sie mich kennen würden. Aber ehrlich gesagt kennt mich kaum jemand. Michael kennt mich. Gezwungenermaßen.
„Mitternacht.“ Er wiederholt es einmal, zweimal vor sich hin und steht dann auf. Es fällt ihm schwer, sich still zu halten und so läuft er zu dem Fernseher, ohne auch nur einen einzigen Blick auf das flackernde Bild zu werfen. Noch immer murmelt er das Wort vor sich hin, als wäre es ein Bibelpsalm, der ihn vor dem Unheil bewahren soll, das längst Teil unseres Lebens geworden ist.
„Früher geht einfach nichts“, füge ich hinzu und forme den Mund zu einem kleinen, verzerrten Kreis, während ich den schwarzen Kajalstift unter meinen Augen von einer Seite zur nächsten schwinge.
„Ich weiß.“ Er antwortet trotzig. Natürlich weiß er das – er ist hier ebenso geboren wie ich. Wir kennen jede noch so dreckige Seitengasse besser, als die Klassenzimmer, die wir nie besucht haben. Und natürlich weiß er, dass nur die langweiligen Menschen vor Mitternacht durch die Clubs ziehen.
„Wir brauchen interessante Menschen“, flüstert er, als hätte er meine Gedanken gehört und zieht mit bebenden Lippen an seiner Zigarette. Michael ist nicht immer so. Mittlerweile hat er sich an unsere Arbeit gewöhnt. Trotzdem haben wir beide alle paar Tage keine Chance, dem schwarzen Loch zu entkommen, das in unserer linken Brust klafft. Hin und wieder zweifeln wir doch. Und verzweifeln.

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